Universität Bielefeld - Fakultät für Soziologie

Veranstaltung: Lehrforschung Geschlecht und Kommunikation

Veranstalterin: Ursula Müller

Autor: Wolfram Häfer, Matrikelnr.: 1773112

 

 

 

Exposé Rap im Funktionssystem der Kunst

 

 

In dem Lehrforschungsprojekt „Geschlecht und Kommunikation“ würde ich gerne eine Untersuchung im Bereich des Hip-Hop, bzw. Rap, machen. Brisant ist das Thema besonders durch den Generalverdacht der „explicit lyrics“[1] oder auf deutsch der „expliziten Texte“ jugendgefährdend, sexistisch, homophob oder gewaltverherrlichend zu sein. Dabei könnte ich mir drei Bereiche[2] vorstellen:

 

1.    Literatursichtung- und auswertung, um das Thema erschließbar zu machen[3]

2.    Diskursanalytische Beschreibung von Musiktexten

3.    Verbindung zu Mediendiskursen, insbesondere Zeitungen[4]

 

Dabei möchte ich Rap als Kunstform behandeln, welche sich im Funktionssystem der Kunst als Kommunikation kommuniziert. Indem man hier den systemtheoretischen Begriff der Kommunikation einführt, der gegliedert in die drei Bereiche Information, Mitteilung und Verstehen ist, wäre zugleich der Anschluss an die Gesellschaftstheorie[5] gesichert[6]. Auch wäre damit die Brücke zu dem Diskursbegriff geschlagen wie ihn beispielsweise Foucault entwickelt.[7] Dieser ist ebenfalls auf den Prozess der Kommunikation ausgerichtet und besteht nur zu einer bestimmten Zeit und an einem bestimmten Ort. Er kann dann jederzeit vergessen oder aktualisiert werden, jedoch kann (soziale) Struktur sich ausschließlich über Kommunikation herstellen und ebenso schnell zerfallen. „Systeme mit temporalisierter Komplexität sind auf ständigen Zerfall angewiesen. Die laufende Desintegration schafft gleichsam Platz und Bedarf für Nachfolgeelemente, sie ist notwendige Mitursache der Reproduktion.“ (Luhmann, Soziale Systeme, 1987, S.78) Das bedeutet jedoch auch, dass sich Kommunikation immer auf Kommunikation bezieht und insofern kontingent, also auch immer anders möglich ist.

Dies passt ebenso zu Foucaults positiven Machtbegriff, den er in „Überwachen und Strafen“ entwickelt, und somit auch die Probleme der doppelten Kontingenz[8] beachtet.

Mit diesem Hintergrund wird es fraglich, weshalb gerade im Bezug auf Rap, und dass zeigen viele Kommentare und Zeitungsartikel, über den Inhalt der Texte gesprochen wird, als wären sie Wahrheit und nicht Kunst. Im Gegensatz zu Literatur oder TV, wo Inhalte gemeinhin (auch alltagssprachlich) als künstlich angesehen werden und deshalb nie oder nur in Bezug auf (auto)biografische Momente des Autors/ der Autorin der Inhalt mit Wahrheit gefüllt werden. Die Idee wäre, dass explizite Sprache weitestgehend noch als Medium der Mitteilung und damit als Träger von Gedanken verstanden wird und somit einen gewissen Geltungsanspruch auf Wahrheit[9] (und sei sie emotional) begründet. Hier liegen zugleich Risiko und Chance des Rap als Kunstform. Einerseits besteht die Gefahr, dass durch bloße Rezeption und Reproduktion von gesellschaftlicher Realität (wie auch immer geartet) ihr der Anspruch als Kunstform wahrgenommen zu werden abhanden kommt, und gleichzeitig (durch denselben Prozess) Themen gesellschaftlicher Kommunikation aufgeworfen werden können, die sonst nicht zur Sprache gekommen wären. Kunst „…macht Ordnungsmöglichkeiten sichtbar, die anderenfalls unsichtbar blieben. Sie verändert die Sichtbarkeits-/Unsichtbarkeitsbedingungen der Welt, indem sie Unsichtbarkeit konstant hält und Sichtbarkeit variiert. Kurz: Sie schafft Formen, die es anderenfalls nicht geben würde.(…)So gesehen, wäre es die Funktion der Kunst, etwas prinzipiell Inkommunikables, nämlich Wahrnehmung, in den Kommunikationszusammenhang der Gesellschaft einzubeziehen.“ (Niklas Luhmann, Die Kunst der Gesellschaft, 1997, S. 157)

So gesehen ist es also gerade die Funktion von Kunst, Kommunikation anschlussfähig zu machen, die so (vielleicht) nicht möglich gewesen wäre. Denn Kunst bringt Formen in den Bereich gesellschaftlicher Kommunikation, die in anderen Funktionssystemen der Gesellschaft gar nicht kommuniziert werden würden.

Im Anschluss an das Oberthema Geschlecht und Kommunikation wäre im „klassisch“ von Männer dominierten (jedenfalls in der öffentlichen Rezeption) Rap auch die Betrachtung von Rap von Frauen relevant. Denn im Gegensatz zum Mainstream in Deutschland gab es in den USA schon Anfang der 90er Jahre Frauen im Rapbusiness. Beispielhaft wären da YoYo und Missy Elliot zu nennen. Während Missy Elliot jedoch seit Mitte der Neunziger sich weitgehend an den Mainstream sowohl äußerlich, (sie hat bestimmt 30 kg abgenommen) als auch musikalisch (ihre Texte sind nicht mehr so hart, sie rappt weniger und hat ange-fangen zu singen) - also der weitgehenden Anpassung an Ge-schlechtsstereotype – angenähert hat, ist von YoYo seit den späten 90ern gar nichts mehr zu hören. Auch gibt es eine aktuelle (2005) deutsche Veröffentlichung einer noch recht jungen Frau: Catee – Pöbeln mit Stil.

Für Material wäre sicherlich ausreichend gesorgt, ich vermute sogar, dass die Gesamtheit des bis hierhin aufgezählten Materials schon den Rahmen des Projektes übersteigen könnte.

 

 

 

 

 



[1] Dies ist zumindest bei großen Produktionen der Wortlaut der Warnung.

[2] Diese sind dann selbstverständlich auch im Hinblick auf Geschlecht als Differenzierung, als Handhabung von Unterscheidungen zu beobachten. („Beobachtung heißt in diesem Zusammenhang, das heißt auf der Ebene allgemeiner Systemtheorie, nichts weiter als: Handhabung von Unterscheidungen.“ Luhmann, Niklas, So. Sy., S. 63.) Inwiefern dann Systembildung vorangeschritten ist, könnte zumindest eine weiterführende  Frage bei der Beschäftigung mit dem Thema sein.

[3] Hier habe ich zum Thema  verschiedene Buchquellen recherchiert:

Zum einen das gerade eigentlich August 2006) erschiene Buch Dancing Queen und Ghetto Rapper. Reihe Medienwissenschaft, Band 12 Die massenmediale Konstruktion des 'Anderen'. Eine systemtheoretische Analyse der hegemonialen Diskurse über Ethnizität und Geschlecht in populären Musikvideos von Christiane Schoch

25 Jahre HipHop in Deutschland 1980-2005,  von Sascha Verlan, Hannes Loh 2005

Agit- Pop, von Günther Jacob 1993

[4] Dieser Teil wäre zwar sehr interessant und ich denke auch ergiebig (ich habe selbst einige Artikel aus „Jungle World“ und „Taz“ gelesen, jedoch ist das Problem, dass es einerseits  leicht den Rahmen  des Projektes sprengen könnte und andererseits, dass die meisten Zeitungen ihre Internetarchive nicht mehr kostenlos zu Verfügung stellen, da sie gelernt haben, dass eben nicht nur die Zeitung von Morgen (und damit Information) wertvoll ist, sondern eben auch dass Wissen von gestern. Die FAZ nimmt z.Zt. glaube ich 1,5 € pro Seite - Sicherlich wären die meisten Artikel im Stadtarchiv einzusehen.

[5] Insbesondere Niklas Luhmann, Die Kunst der Gesellschaft 1997, könnte ich mir als theoretisches Raster vorstellen. Das komplette Buch werde zeitlich ich wahrscheinlich nicht bearbeiten können.

[6] im Gegensatz zu den meisten Texten des Blackbook welche den Interaktionsbegriff benutzen und damit einen Subjektbegriff voraussetzen, der auf die Aktion zwischen den Beteiligten abstellt und die gesellschaftliche Anbindung sehr schwierig gestaltet: Stichwort Individuum-Gesellschaft.

[7] Vgl. dazu meine Arbeit zu „Foucaults Archäologie des Wissens als Methode der Diskursanalyse“, http://wollumination.piranho.com/Foucaults%20Arch%E4ologie%20des%20Wissens.htm,,

 welche mir auch als theoretisches Raster für den Diskuranalytischen Teil dienen könnte.

[8] Auch ist der Punkt anschlussfähig, den Helga Kotthoff, Geschlecht als Interaktionsritual?, S. 165 anführt, dass verhältnismäßig  zu den Möglichkeiten, die Partnerwahl hinsichtlich der Körpermerkmale doch sehr unwahrscheinlich ist. Dies würde dann Systembildung voraussetzen.

[9] Sprache wäre dann die letzte Bastion der intersubjektiven Vermittlung und das einzige Bindeglied zwischen Individuum und Gesellschaft. Um solche Überhöhungen zu vermeiden, wie sie zum Beispiel eine strukturalistische Position erwägen müsste, halte ich mich an den Kommunikationsbegriff von Luhmann, wie oben eingeführt.