Autor: Wolfram Häfer - http://wollumination.piranho.com
1773112
Exposé für
die Stellenausschreibung studentischer Hilfskraftstellen im Rahmen des
Graduiertenkollegs „Weltbegriffe und globale Strukturmuster“
Theorien der
Weltgesellschaft und ihre Anschlussfähigkeit an den Wandel von Organisationen
Die
Weltgesellschaft ist nunmehr ein Thema der Soziologie seit mehr als 30 Jahren
und hat im Zuge der Globalisierungsdiskussion in den 1990er Jahren an
Aktualität und Spezifikation dazu gewonnen, wenngleich es an theoretischen
Perspektiven der Verbindung von Makro- und Mikro (oder auch
Meso-)soziologischen mangelt, insbesondere für die Soziologie der
Organisationen mangelt es an einer konsistenten Theorie, welche einerseits der
soziologischen Theorieentwicklung mit (all) ihren epistemologischen Errungenschaften[1]gerecht
wird und andererseits konkrete Sachverhalte, insbesondere der des Wandels und
Entstehung, beschreiben oder gar erklären kann (vgl. Hasse/Krücken, S. 13f, S.
25ff).
Raimund
Hasse und Georg Krücken explizieren den Stellenwert von Organisationen in der
Weltgesellschaft anhand von systemtheoretischen und neo-institutionalistischen
Perspektiven von Weltgesellschaft und setzen die Konzeptionen von
Organisationen damit in Verbindung. Die Rezeption systemtheoretischer Konzepte
von Organisationen bezieht sich auf zwei verschieden Herangehensweisen. Die
eine basiert auf der Grundlage der funktionalen Differenzierung und der
Annahme, dass die Organisationen den Funktionssystemen zugeordnet werden, und
somit als Elemente der Funktionssysteme von diesen konstituiert werden. Dies hat den Vorteil, dass man Organisationen
als Träger von zugewiesenen Funktionen der Gesellschaft einer
gesellschaftlichen Steuerung zuordnen kann. Das Problem besteht in diesem Fall
jedoch darin, dass zwar eine eindeutige Zuordnung
der Organisation getroffen werden kann, doch wie die Gesellschaft
ihrerseits Erfordernisse kommunikativ ermitteln und vermitteln soll, wäre
trotzdem nicht geklärt.
Das andere
Konzept einer autopoietischen Organisation wäre hingegen als selbstreferentielles
System einer Steuerung von außen nicht zugänglich, würde jedoch einen weiteren
Spielraum für die Möglichkeiten einer selbstgesteuerten
Veränderung lassen. Problematisch hierbei ist ihr Verhältnis zur Umwelt und
damit wie beispielsweise gesellschaftliche Anforderungen vermittelt und durch
entsprechend funktional äquivalente Entscheidungen bezüglich der Gründung oder
Veränderung von Organisationen oder Organisationsstrukturen umgesetzt
(kommuniziert) werden können. Organisationen werden zwar in den
Funktionssystemen gebildet und müssen über deren Medien verfügen können, das
bedeutet jedoch auch eine Nichtidentität von Organisationen und
Funktionssystemen (vgl. Luhmann, 1994, S. 195). Außerdem können so strukturelle
Kopplungen verschiedener Funktionssysteme beschrieben werden. „Solche
Zusammenhänge können durch Organisationen verstärkt werden, die sich dank
eigener Autopoiesis (und nur so!) durch mehrere Funktionssysteme irritieren
lassen können“ (Luhmann, 1994, S.196). Das bedeutet jedoch nicht, dass sich
Organisationen nicht mit Erfordernissen der Umwelt (z.B.
Rationalitätserfordernissen) identifizieren können (vgl. Luhmann, 1988, S.167).
Meines
Erachtens bieten die Kategorien der emergenten
und der konstitutiven Bildung von
Organisationen die Leitdifferenz, mit deren Hilfe die Theorien bezüglich ihrer
Perspektive auf Veränderung eingeordnet werden können. Denn wenn wir der ersten
Perspektive folgen, in der Organisationen als Teile der Funktionssysteme
behandelt werden, legt die Gesellschaft konstitutiv ihre Erfordernisse von
Organisation fest. Das heißt das Problem der Veränderung von Organisationen ist
somit in die Gesellschaft verlagert, welche ihrerseits die Erfordernisse dafür
festlegt (die Beweislast liegt damit in der Gesellschaft bzw. den Funktionssystemen)[2].
Damit muss auch die Frage nach der Veränderung der Organisationen an die
Funktionssysteme weitergegeben werden und kann zunächst nur mit funktionaler
Differenzierung beantwortet werden.
Die zweite
Perspektive der Autopoiesis stellt auf die Selbststeuerung der Organisationen
ab, die somit zwar durch Irritationen der Umwelt und deren Interpretation
seitens der Organisation beeinflusst werden kann, jedoch eine emergente[3]
Systembildung vollzieht.
Helmut
Willke behandelt das Thema der Weltgesellschaft aus einer Steuerungsperspektive
heraus und konstatiert, dass solange noch nicht von einer Weltgesellschaft
gesprochen werden kann, wie sich keine globale Selbststeuerung etabliert hat, z:B. auf der Ebene der internationalen Politik (vgl.
Willke, 2006, S. 36ff). Damit legt er einen anderen Begriff der
Weltgesellschaft zugrunde als Niklas Luhmann: aus der Perspektive Luhmanns ist
Gesellschaft nur als Weltgesellschaft zu denken, denn Kommunikation hat nur die
Grenze der Kommunikation, und alles was Kommunikation ist, ist Gesellschaft.
Insofern hat der Gesellschaftsbegriff auch eindeutige Grenzen, d.h. alles, was
nicht Kommunikation ist (vgl. Luhmann, 1987, S. 557). Insofern wäre das Problem
beispielsweise der Nationalstaaten nur an den Prozess der Strukturbildung
angelehnt und nicht als Strukturmerkmal von Weltgesellschaft schlechthin zu
begreifen. D.h. aber auch, dass der Begriff der Weltgesellschaft bei Luhmann
dynamischer angelegt ist und damit auch offener gegenüber Veränderung ist und
seine Bedingung die Bedingung der Möglichkeit ist.[4] Die
Symptome einer Weltgesellschaft, wie sie zumeist alltagssprachig intendiert werden,
sind hier jedoch nicht zwangsläufig gegeben.
Zu Fragen
wäre weiterhin, welche Möglichkeiten zur Anknüpfung von Genesis und Wandel die
verschiedenen Theorien der Weltgesellschaft haben. Diese Frage wird anleitend
sein für jede weitere Beschäftigung mit dem Thema. Vorläufig werde ich ein paar Anmerkungen dazu machen:
In der
Systemtheorie Luhmanns ist einerseits das Zeitproblem zu erwähnen. Zeit ist der
Grund für Selektionszwang in komplexen Systemen und Selektion ist ihrerseits
ebenfalls ein Zeitbegriff (vgl. Luhmann, 1987, S.70).
Weiterhin sind
Systeme „…immanent unruhig, sind einer endogen erzeugten Dynamik ausgesetzt und
zwingen sich genau dadurch selbst, hiermit kompatible Strukturen zu lernen“
(ebd., S. 77). Strukturen müssen die Anschlussfähigkeit der autopoietischen
Reproduktion ermöglichen. Durch die operative Schließung wird Umweltoffenheit
erreicht. Funktional äquivalente Lösungen sind kausal nicht bestimmbar und
daher nicht durch Rationalitätskriterien antizipierbar. Insofern ist auch jede
Zurechnung auf Gründe von Entscheidungen problematisch, da diese ausschließlich
kommuniziert werden und sich ausschließlich auf Kommunikation beziehen.
Auch ist
durchaus zu fragen, an welchem Punkt eine Organisation entsteht. Wann wird ein Problem so kommuniziert, dass
die Schwelle überschritten wird, die Gründung einer Organisation als notwendig
zu erachten (beispielsweise Greenpeace, WTO oder der Internationale Gerichtshof
der Vereinten Nationen). Eine Möglichkeit wäre die Konstruktion von
Katastrophenwahrnehmung aufgrund von Nichtwissen und einer Zurechnung auf
Risiko. Dies kann durch die Wahrnehmung von Störfällen geschehen und schützt
vor Komplexitätsüberlastung in Form von kategorischen Vermeidungsimperativen.
Interessant ist, das trotz der kompletten Negation allen Wissens ein erneuter
Rekurs auf Wissen möglich wird, um die eigene Position zu stützten. (vgl. Japp,
1997) Eine Katastrophenwahrnehmung könnte ebenso gut die Gründung einer
Organisation veranlassen. Das wäre sowohl bei einer Organisation wie Greenpeace
denkbar, als auch bei WTO, UN oder anderer Organisationen. In jedem Fall wäre
eine zweckfreie Konstruktion von Gründen die zur Entstehung einer Organisation
führen ohne einfach auf Umwelterfordernisse abzustellen eine Herausforderung.
Interessieren
würde ich mich im Rahmen des Projekts zum eine die Frage, welchen Spielraum für
Wandel und Genese von Organisationen in den Theorien zur Weltgesellschaft
angelegt ist. Aktuell ist dieses Thema insbesondere durch das Auftauchen von
internationalen Organisationen, die sich als weltweite Vertragspartner
etabliert haben ohne über Legitimation zu verfügen, wie die WTO, WHO oder WWF.
Selbst Organisationen wie Greenpeace oder andere NGO`s
haben sich in bestimmten Bereichen als Spezialisten etabliert. Diese
Organisationen könnten ebenfalls gut in Fallstudien eingebunden werden, wie
stark beispielsweise das Medieninteresse war oder wie die Diskurse über
einzelne Organisationen geführt worden sind. Ob internationale politische
Organisationen oder andere Interessenvertretungen den Demokratisierungsprozess
der Weltgesellschaft beeinflussen und wie nah diese dann an die alte
Vorstellung eines Weltstaates herankommen könnte, wären ebenso offene Fragen.
Mich würde
im Besonderen die Anschlussfähigkeit von Wandel und Genesis von Organisationen
der drei Konzepte zur Weltgesellschaft interessieren, die auch die Grundlage
der Beschäftigung mit dem Thema für Raimund Hasse und Georg Krücken
darstellten: konstruktivistische Systemtheorie (Luhmanns), systemtheoretische
Steuerungstheorie (insbesondere Willkes Buch „Heterotopia“), und der World- Polity- Ansatz von Meyer (insbesondere „Weltkultur: Wie die
westlichen Prinzipien die Welt durchdringen“). Vorschweben würde mir also eine
Begriffsbestimmung der Weltgesellschaftsbegriffe bezüglich Wandel und Genese
von Organisationen in diesen drei Konzepten, wenngleich ich sicherlich für
Anregungen und neuere bzw. ertragsreichere Konzepte offen bin. Beschränken will
ich mich allerdings auf Ansätze, in denen ein Bezug zur Weltgesellschaft
explizit oder jedenfalls ohne weiteres herstellbar ist, denn es gibt viele
Konzepte, die Wandel und Entstehung von Organisationen zumindest beschreiben,
jedoch wäre es schwierig mithilfe dieser Theorien einen Bezug zur
Weltgesellschaft herzustellen. Interessant wäre ebenfalls ein Abgleich der
gewonnenen Erkenntnisse mit Einzelfällen, wie beispielsweise der Entstehung von
internationalen Organisationen wie WWF, der WTO oder dem Internationalen
Gerichtshof der Vereinten Nationen. Besonders interessant insofern, als das es
außer vertraglichen Regelungen keine Legitimation außerhalb der Nationalstaaten
gibt, und selbst die Partizipation der Nationalstaaten auf weitgehend
freiwilliger Basis (vgl. Willke, 2006, S. 78) geschieht, die WTO bestand Ende
2005 aus mehr als149 Mitgliedstaaten (vgl., Willke, 2006, S. 74).
Literatur:
-
Japp K. P., Die Beobachtung von Nichtwissen, in: Soziale Systeme 1997 Nr. 3, S. 289- 312
-
Japp,
K. P., Risiko, Bielefeld 2000
-
Luhmann,
N., Die Weltgesellschaft, in: Archiv für Rechts- und Sozialphilosophie,
Stuttgart 1971, S. 1- 35
-
Luhmann,
N., Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, Frankfurt am Main 1987
-
Luhmann,
N., Organisation, in: Küpper, W./ Ortmann, G, (Hrsg.), Mikropolitik:
Rationalität, Macht und Spiele in Organisationen, Opladen 1988, S. 165- 185
-
Luhmann,N., Die Gesellschaft und ihre Organisationen, in Derlien, H.-U./ Gerhardt, U./ Scharpf,
F. W. (Hrsg.), Systemrationalität und Partialinteresse: Festschrift für Renate Mayntz, Baden- Baden 1994, S. 189- 201
-
Luhmann,N., Organisation und Entscheidung, Opladen/Wiesbaden 2000
-
Willke,
H., Global Gouvernance, Bielefeld 2006
-
Wobbe, T, Weltgesellschaft,Bielefeld 2000
Internetquellen:
-Hasse, R/
Krücken, G., Der Stellenwert von Organisationen in Theorien der
Weltgesellschaft - Eine kritische Weiterentwicklung systemtheoretischer und
neo-institutionalistischer Forschungsperspektiven, http://wwwhomes.uni-bielefeld.de/kruecken/importe/KrueckenHasse2005.pdf
[1] Dazu ist es keineswegs nötig alle Theorien zu
vereinigen, sondern allenfalls ihrem Reflektionsgrad zu entsprechen.
[2] In diese Kategorie müsste meines Erachtens ebenso der
„World Polity“- Ansatz fallen, was jedoch einer genaueren
Überprüfung bedarf (vgl. Hasse/Krücken, S. 14, S. 19)
[3] Zum Begriff der Emergenz: vgl. Luhmann, 1987, S.43f,
S. 98ff Der Begriff ist hier Allgemein auf die Richtung der Entstehung oder Zustandsänderung (eines Systems) bezogen, Emergenz von
unten und Konstitution von oben wird hier als analytisches Gegensatzpaar
verwendet. Emergenz bezieht sich somit nicht allein auf die Möglichkeit oder
Unmöglichkeit neue Phänomenen zu beschreiben, wie der Begriff, den Theresa Wobbe benutzt (vgl. Wobbe, 2000,
S.6).
[4] Anzumerken wäre hier, dass so ebenfalls erst ein
konstruktivistischer Welt- und damit
auch Realitätsbegriff ermöglicht wird, was meiner Einschätzung nach für den steuerungstheoretischen
Ansatz der Systemtheorie sowie für den World- Politiy-
Ansatz Meyers (kulturelle Rationalisierung vgl. Hasse/ Krücken, S. 21) nicht
zutrifft. Dies wäre jedoch genauer zu klären.