Home
private krankenversicherung



Universität Bielefeld

Fakultät für Soziologie

WS 04/05

Veranstaltung: Einführung in die Mediensoziologie

Veranstalterin: Anna Amelina

Autor: Wolfram Häfer

http://wollumination.piranho.com

Kollegiaten- Nr.: 006654

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Michel Foucaults Archäologie des Wissens als Methode der Diskursanalyse

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Inhalt

 

 

1.    Einleitung S. 2

 

 

2.    Diskontinuität und Differenz S. 3

 

 

3.    Die Aussagen des Diskurses S. 5

 

 

3.1           Die Formationssysteme S. 5

 

 

3.2           Die Aussagen S. 9

 

 

4.    Die Archäologie als Methode S. 12

 

 

5.    Literatur S. 14

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

1. Einleitung

 

Michel Foucault erarbeitet in seinem Buch „Archäologie des Wissens“[1] eine Theorie der Diskursanalyse. Er versucht damit seine Schriften theoretisch zu reflektieren und somit ein höheres Reflektionsniveau zu erreichen. Er setzt damit einerseits seine Arbeit der Analyse der Diskurse fort; jedoch erarbeitet er dazu eine Theorie und gleichzeitig eine Methode zur allgemeinen Anwendung, und nicht wie er es bis dahin getan hat, die Arbeit im Speziellen, woraus sich allenfalls implizit seine Theorie, ihre Anwendung und die Bedingungen und Grundlagen ihrer Anwendung ergeben haben. Er geht in seiner Theoriebildung weiterhin induktiv vor, vom Speziellen zum All­gemeinen, und es wird deutlich, dass er keiner These nachgeht, die es zu verifizieren oder zu falsifizieren gilt. Ein Grund[2] den Pierre Bourdieu anführt, weshalb Foucault im französischen Wissenschaftsbetrieb eine marginalisierte Rolle innehatte, die im Übrigen auch nicht äquivalent zu seinem Prestige in der Öffentlichkeit war (vgl. hierzu insbesondere Bourdieu, 1992, S.18 und S.19f). Besonders deutlich wird Foucaults Herangehensweise an den in der Archäologie des Wissens zu be­arbeitenden Gegenstand, in folgendem Satz: „Ich versuche weniger zu untersuchen, was ich gesagt habe und was ich hätte sagen können, vielmehr bemühe ich mich, in der ihm eigenen und von mir schlecht beherrschten Regelmäßigkeit das erscheinen zu lassen, was das möglich machte, was ich sagte“ (Foucault, 1981, S.166). Wäh­rend er hier positiv veranschaulicht, inwieweit Induktion in seiner Arbeit eine Rolle spielte und schließlich zur Theoriebildung führte, grenzt er sich im folgenden gleich davon ab, welchen Zweck sein Buch nicht hat: „Man sieht ebenfalls, daß ich hier keine Theorie im strengen und starken Sinne des Wortes entwickle: die Deduktion eines abstrakten und auf eine unbestimmte Zahl von empirischen Beschreibungen anwendbaren Modells ausgehend von einer bestimmten Zahl von Axiomen. Die Zeit eines solchen Gebäudes, falls es je möglich sein sollte, ist gewiß noch nicht ge­kommen“ (ebd.). Dass seine Methode in ihrer internen Logik auch induktiv vorgeht, ist zu erkennen, wenn er angibt, - während er die Transformation eines Formations­systems[3] beschreibt - vom Speziellen zum Allgemeinen vorzugehen (vgl. Foucault, 1981, S.245). Wenn ich in diesem Fall von Induktion spreche, ist sicherlich zu be­achten, dass es sich bei Foucault beim Allgemeinen um die Konstitution der Diskurse handelt, und nicht etwa um eine allgemeine Wahrheit.

Das Ziel dieser Arbeit wird hauptsächlich sein, einen Einblick in die Methode der von Foucault konzipierten Archäologie zu bekommen, so wie sie vielleicht auch Anwen­dung in der Mediensoziologie haben könnte. Ich werde mich weniger auf die Bei­spiele konzentrieren, die Foucault hauptsächlich aus der Sprachwissenschaft, der Ökonomie und der Medizin anführt. Ich werde mich eher bemühen, die Methode in ihrer Funktion und Funktionalität zu beschreiben. Jedoch werde ich nicht auf den Begriff des Wissens eingehen. Zur Verständlichkeit der Theorie reicht vorläufig die Beschäftigung mit den Aussagen und ihrer Wiederholbarkeit. Mit der Transformation von Aussagen und der Dynamik des Wandels werde ich mich auch nicht be­schäftigen. Eher damit, wie sie zustande kommen.

Im zweiten Punkt meiner Arbeit werde ich erst einmal die grundlegende Heran­gehensweise von Foucaults Arbeit verdeutlichen, nämlich seine Konzentration auf die Differenz und Diskontinuität. Denn von diesen Leitdifferenzen wird sich die Arbeit Foucaults ableiten. Nach dieser Beschäftigung mit der Grundlage des methodischen Ausgangspunkts der Theorie Foucaults werde ich im dritten Kapitel die Aussagen des Diskurses bearbeiten, wozu ich zuerst auf die Formationssysteme eingehen muss. Danach werde ich in einem kurzem Abriss versuchen die Methode und ihre Anwendbarkeit der Archäologie Foucaults zu bemessen.

 

2. Diskontinuität und Differenz

 

Die Archäologie Foucaults ist die Analyse der tatsächlich gesprochenen Sachen. Sie werden jedoch hauptsächlich unter dem Blickpunkt der Diskontinuitäten analysiert. Während die Aufgabe der Geschichte sehr lange, z. T. bis heute, den Be­schreibungen der Kontinuitäten gewidmet war, den langen Perioden und Epochen, will sich Foucault auf den Wechsel, die Transformation, die Schwellen, den Bruch und die Einschnitte konzentrieren (vgl. Foucault, 1981, S.9ff).

Damit sind mehrere Annahmen verknüpft:

Zum einen wird der Unterschied, die Differenz, als grundlegende Kategorie der Wahrnehmung und Beschreibung von Sachverhalten eingeführt. Damit wird sich vom ontologischen Paradigma, und gleichzeitig auch vom Paradigma der Kontinuität ge­löst. Es wird nicht mehr nach Einheit und Identität von Gegenständen oder Sach­verhalten gesucht, sondern in ihnen der Unterschied gedacht. Das Thema der Dif­ferenz spielt innerhalb der Theorien seit Beginn des 20. Jahrhunderts eine verstärkte Bedeutung. In der strukturalistischen Zeichenwerttheorie Ferdinand de Saussures wird schon die Bedeutung der Zeichen von Identität auf Differenz umgestellt, d.h. die Bedeutung der Zeichen entspringt der Differenz gegenüber anderen Zeichen (vgl. Wenzel, 2000, S.134). Auch für Niklas Luhmann war dieses Thema der Differenz anleitend für seine Theorie selbstreferentieller Systeme von großer Bedeutung, er führt die Differenz von Identität und Differenz als neues Paradigma ein (vgl. Luh­mann, 1996, S. 26).

Weiterhin wird das Subjekt als perzeptive Instanz aus der Theorie verbannt. D. h. auch, dass die Interpretation als Methode außer Kraft gesetzt wird. Foucault will alle „Teleologien und Totalisierungen“ (Foucault, 1981, S. 28) in Frage stellen und seine historische Analyse vom „anthropologischen Thema“ (ebd.) befreien. Damit trennt er sich auch von den Einheiten des Diskurses, die entweder die Stifterfunktion des Subjekts oder die ursprungslogischen, in zeitlichen Kontinuitäten bestimmten, Ein­heiten zur Bedingung haben. In diesem Zusammenhang trennt sich Foucault von den historischen Einheiten wie der Tradition, Einfluss, Evolution oder auch Mentalitäten (vgl. Foucault, 1981, S.33f). Er zweifelt auch die Einheit des Buches und des Werks an, und weil beide wichtig für die Analyse der Diskurse sind, werde ich die Kritik Foucaults kurz anführen:

Die Einheit des Buches zweifelt er vor allem an, da sich die verschiedenen Texte stark voneinander unterscheiden. Ob es sich um einen Roman handelt, posthume Fragmente, eine mathematische Abhandlung oder ein Textkommentar. Ein Buch verweist immer auch auf andere Bücher, Texte und Sätze, es ist: „…ein Knoten in einem Netz“ (Foucault, 1981, S.36). Bezüglich des Werkes, also einer Sammlung von Texten die einer Person zugeordnet werden, sind die Probleme noch schwieriger. Sind nur Texte relevant, die der Autor unter seinem Namen veröffentlicht hat, oder sind auch solche relevant, die er unter einem Pseudonym veröffentlichte. Was ist mit Entwürfen, die nur unveröffentlicht geblieben sind, weil der Autor gestor­ben ist? Gehören alle Schmierblätter, Notizen und Korrekturen zum Werk einer Person? Wie steht es mit den ganzen Briefen, Entwürfen und berichteten Gesprächen? (vgl. Foucault, 1981, S.35ff) Es ist schwierig die Äußerung einem Subjekt zuzuordnen und in diesem die (alleinige) Ursache für die Äußerung zu finden. „Das Werk kann weder als unmittelbare Einheit noch als eine bestimmte Ein­heit noch als eine homogene Einheit betrachtet werden“ (Foucault, 1981, S.38). Aus diesem Grund sind Buch und Werk auch ungeeignete Einheiten um Texte, Bücher oder andere sprachliche Spuren zu analysieren oder zu kategorisieren.

Foucault stellt sich auch den Prämissen von unveränderlichen Strukturen entgegen. Er vertritt die Auffassung, dass die „…nichtlabilen Strukturen das Hereinbrechen der Ereignisse auszulöschen…“ (Foucault, 1981, S.13) scheinen. Jedenfalls sieht er in der traditionellen Geschichte nicht den Versuch „…einen »Konflikt« oder eine »Opposition« von Struktur und Werden zu überwinden: die Historiker versuchen bereits geraume Zeit vergeblich, Strukturen zu finden, zu beschreiben und zu ana­lysieren, ohne sich jemals haben fragen zu müssen, ob sie nicht die lebendige, zer­brechliche, zitternde »Geschichte« sich entgehen ließen. Die Opposition Struktur – Werden ist weder für die Definition des historischen Feldes noch wahrscheinlich für die Definition einer strukturalen Methode zutreffend“ (Foucault, 1981, S.13). Somit grenzt sich Foucault auch gegen den Strukturalismus ab. Er wirft der Geschichts­schreibung vor, durch die Eingrenzung der Sachverhalte auf Strukturen der Einför­migkeit und Kontinuität zu reduzieren und die Geschichte mit ihrer immanenten Opposition Struktur – Werden von ihrer Dynamik abzutrennen. Ein weiterer Punkt, in denen er sich von bestimmten Formen des Strukturalismus (u.a. Saussures, Lacan) abgrenzt, ist das er ein Verhältnis zwischen Signifikat und Signifikant, wie es in der Zeichentheorie, und üblicherweise auch in der Semantik, angenommen wird, be­streitet (vgl. Foucault, 1981, S.129ff). Aus diesem Grund kann man ihn durchaus als einen der Begründer des Poststrukturalismus begreifen.

Foucault verknüpft die Diskontinuität und Differenz gegenüber der kontinuierlichen Geschichte und ihrer identitäts- und ursprungslogischen Funktionsweise folgen­dermaßen: „Die kontinuierliche Geschichte ist das unerlässliche Korrelat für die Stif­terfunktion des Subjekts: die Garantie, daß alles, was ihm entgangen ist, ihm wieder­gegeben werden kann; werden kann die Gewißheit, daß die Zeit nichts auflösen wird, ohne es in einer erneut rekomponierten Einheit wiederherzustellen; das Ver­sprechen, daß all diese in der Ferne durch den Unterschied aufrechterhaltenen Dinge eines Tages in der Form des historischen Bewußtseins vom Subjekt erneut angeeignet werden können und dieses dort seine Herrschaft errichten und darin das finden kann, was man durchaus seine Bleibe nennen könnte. Aus der historischen Analyse den Diskurs des Kontinuierlichen machen und aus dem menschlichen Be­wußtsein das ursprüngliche Subjekt allen Werdens und jeder Anwendung, das sind die beiden Gesichter ein und desselben Denksystems. Die Zeit wird darin in Termini der Totalisierung begriffen, und die Revolutionen sind darin stets nur Bewußt­werdungen“ (Foucault, 1981, S.23f). Es wird deutlich, inwieweit die Annahme einer fortschreitenden, kontinuierlichen Geschichte und die Annahme eines vernünftigen und rational- handelnden Subjekts sich gegenseitig bedingen. Und dass der Ur­sprung in dieser Vorstellung, die Idee des Subjekts, eine Reihe von Folgen hat, die man bloß zurückverfolgen braucht um Ihren Grund zu entdecken. Diese Annahmen determinieren weitere Prämissen, das Subjekt muss beispielsweise als die be­herrschende Instanz der Diskurse wahrgenommen, dessen Fähigkeit alleine über den Erfolg der Rekombinierung der Dinge - also auch seiner Geschichte - ent­scheidet. Außerdem werden eine chronologische Zeitfolge und ein Denken in Kate­gorien des Fortschritts und der Teleologien vorausgesetzt. Irrtümer sind in dieser Vorstellung hingegen nur Fehler im Denken, und die Wahrheit kann durch ver­besserte Maßverfahren, Fehlerbeseitigung o.ä. jederzeit hergestellt werden.

Was für Auswirkungen die Dekonstruktionen dieser Begriffe und Axiome auf den Begriff der Aussagen hat, wie Foucault sie definiert, werde ich im nächsten Kapitel behandeln.

 

3. Die Aussagen des Diskurses

 

3.1 Die Formationssysteme

 

 

Der Begriff der Aussagen ist sehr wichtig, um Diskurse analysieren zu können, denn Diskurse sind nichts anderes als verknüpfte Aussagen. Bevor ich mich jedoch den Aussagen zuwende, muss ich zumindest resümierend die diskursiven Formationen mit den vier Formationssystemen beschreiben. Die Formationssysteme gehören zum Inventar, dass es uns ermöglichen soll, Diskurse zu verknüpfen  und zu gliedern und zu dem vorzudringen, was als die Aussagen bezeichnet werden wird[4]. Es sind gleich­zeitig Systeme, die die Aussagen in ihrer Spezifität erst zulassen und so den Diskurs bilden. Jedoch gibt Foucault die Formationssysteme eher als Hypothesen an, und weniger als Kategorien oder begrenzte Handlungsspielräume (vgl. Foucault, 1981, S.58f).

Und da die zu analysierenden Begriffe in ihren Benutzungsregeln und ihrer Struktur unterschiedlich und zum Teil auch unvereinbar sind, so sollen sie Systeme der Streuung beschreiben (vgl. Foucault, 1981, S.57f). „In dem Fall, wo man in einer be­stimmten Zahl von Aussagen ein ähnliches System der Streuung beschreiben könnte, in dem Fall, in dem man bei den Objekten, den Typen der Äußerung, den Begriffen, den thematischen Entscheidungen eine Regelmäßigkeit (eine Ordnung, Korrelation, Positionen und Abläufe, Transformationen) definieren könnte, wird man übereinstimmend sagen, daß man es mit einer diskursiven Formation zu tun hat…“ (Foucault, 1981, S.58). Die Regeln, nach denen solch eine diskursive Formation funktioniert – die Formationsregeln-, sind Inhalt der folgenden vier Formations­systeme:

 

  1. Die Formation der Gegenstände

 

Um die Formation der Gegenstände von Diskursen zu beschreiben, gibt Foucault drei Handlungsanleitungen:

 a) „Man müsste zunächst die ersten Oberflächen ihres Auftauchens[5] finden: das heißt zeigen, wo die individuellen Unterschiede auftauchen, die dann bezeichnet und analysiert werden können…“(Foucault, 1981, S.62).

b) Man müsste „… die Instanzen der Abgrenzung…“ (Foucault, 1981, S.63) be­schreiben, wo und wie sich z.B. der medizinische Diskurs (in dieser oder jener Frage) vom juristischen abgrenzt.

c) „Und schließlich müsste man die Spezifikationsraster analysieren…“(Foucault, 1981, S.64).

Die Gegenstände werden jedoch ohne Beziehung zum Grund der Dinge definiert, was jedoch nicht heißt, ihre Bedeutung im linguistischen Sinne zu analysieren (vgl. Foucault, 1981, S.72f). Foucault beschreibt die Diskurse nicht als Verschränkung der Wörter und der Dinge[6]; er meint auch dass die Diskurse zwar Zeichen benutzen, je­doch nicht ausschließlich zur Bezeichnung der Sachen und deshalb die Diskurse irreduzibel auf das Sprechen und die Sprache sind (vgl. Foucault, 1981, S.74). „Eine Aufgabe, die darin besteht, nicht – nicht mehr – die Diskurse als Gesamtheiten von Zeichen (von bedeutungstragenden Elementen, die auf Inhalte oder Repräsen­tationen verweisen), sondern als Praktiken zu behandeln, die systematisch die Ge­genstände bilden, von denen sie sprechen“ (Foucault, 1981, S.74). Jetzt werden auch einige der Herangehensweisen Foucaults deutlicher. Zum einen, dass er mit der Analyse der Diskurse oder der Archäologie sich nicht auf die Suche nach dem Ursprung begibt, d.h. auch nicht nach einer Kausalität bezüglich der Entstehung oder auch des Abschlusses eines Diskurses sucht. Und auch wenn die Archäologie eine Analyse der tatsächlich gesprochen Sachen zu verstehen ist, sich nicht auf rein sprachliche oder zeichentheoretische Elemente beschränkt. Und besonders wichtig ist der konstruktivistische Moment, in dem Diskurse als Praxis sich und ihre Ge­genstände selbst erzeugen. Foucault versucht also den Gegenstand des Diskurses möglichst abseits des Subjekts, jedoch in all seiner Individualität und Einzigartigkeit erscheinen zu lassen.

 

  1. Die Formation der Äußerungsmodalitäten

 

Die Formation der Äußerungsmodalitäten versucht die Formen der Aussagen, ihre gegenseitigen Abhängigkeiten, Verkettungen und Bedingtheiten in den Blick zu neh­men. Dafür stellt Foucault wiederum drei Wege zur Verfügung:

a) Zuerst wird danach gefragt wer spricht. Welchen Status besitzt das Individuum, um solch einen Diskurs hervorzubringen? Mit welchen Individuen welchen Statuts stehen sie in Verbindung? Z.B. gehören zum Status des Arztes auch seine Ver­bindungen mit dem Recht, der Politik, religiösen Gruppen, Berufskörperschaften, und muss das Funktionieren des Arztes in der Gesamtgesellschaft beschrieben werden (vgl. Foucault, 1981, S.75)?

b) Danach müssen die institutionellen Plätze beschrieben werden, die Institutionen in denen der Gegenstand der Analyse, z.B. der Arzt, sein Wissen selbständig an­wenden kann: beispielsweise das Krankenhaus, die Privatpraxis, aber auch Doku­mente wie Berichte, Beobachtungen und statistische Informationen (vgl. Foucault, 1981, S.76f).

c) Die Positionen des Subjekts werden durch die Situation definiert- Möglichkeiten die das Subjekt im Verhältnis zu anderen Gebieten oder Gruppen von Gegenständen einnehmen kann, sowie Positionen die das Subjekt im Informationsnetz einnehmen kann (vgl. Foucault, 1981, S.78f).

Anstatt die Synthese eines Subjekts beschrieben wird, wird seine Dispersion be­schrieben, alle Möglichkeiten der Positionen, von denen es sprechen kann (vgl. Fou­cault, 1981, S.81f). Wichtig sind dabei die Bedingungen, unter denen der jeweilige Diskurs zustande gekommen war, in welcher Position sich das äußernde Individuum befand, welchen gesellschaftlichen Status es inne hatte, welche Institutionen und Personen mit dem Individuum in Beziehung standen. Hier sind hauptsächlich das äußernde Subjekt und sein gesellschaftliches Umfeld zu betrachten.

 

  1. Die Formation der Begriffe

 

Nachfolgend soll die Formation der Begriffe analysiert werden. Ohne jedoch die Begriffe in ein deduktives Gebäude einordnen zu wollen, sondern die „…Organisation des Feldes der Aussagen beschreiben, in dem sie auftauchen und zirkulieren“ (Foucault, 1981, S.83). Dies besteht:

a) aus den Abfolgen der Begriffe, wie die Anordnung der Äußerungsfolgen (beispielsweise eine kausale Bestimmung oder eine Aufzählung), die Abhängigkeits­typen der Aussagen und als verbindendes Element die rhetorischen Schemata und wie diese sich kombinieren (vgl. Foucault, 1981, S.83f).

b) aus den Formen der Koexistenz, mit einem Feld der Präsenz, welches alle Aus­sagen einschließt, die dem Diskurs vorausgehen und als Wahrheit, Begründung oder Annahme benutzt oder verworfen werden. Weiterhin einem Feld der Begleitum­stände, welche Aussagen sind, die zu einem anderen Gegenstandsbereich gehören, jedoch als Prämissen aktiv werden. Außerdem gehört ein Erinnerungs- gebiet dazu, dass aus Aussagen besteht die nicht mehr aktiv sind weil sie überwunden wurden oder ignoriert werden. (vgl. Foucault, 1981, S.85f)

c) aus den Prozeduren der Interventionen, die legitim auf Aussagen angewendet werden können. Jedoch gibt Foucault von vornherein an, dass die Interventionen für jede diskursive Formation verschieden sind. Sie bestehen hauptsächlich aus den Beziehungen zwischen Aussagen, wenn z.B. eine Idee oder Theorie übernommen, angewendet, verbessert und transformiert wird.

„Was aber einer diskursiven Formation eigen ist und was die Abgrenzung der Gruppe von wenn auch disparaten Begriffen gestattet, die für sie spezifisch sind, ist die Weise, auf die die verschiedenen Elemente miteinander in Beziehung gesetzt wer­den: z. B. die Weise, auf die die Bestimmung der Beschreibung oder der Erzählun­gen mit den Techniken des Neuschreibens verbunden sind; die Weise, wie das Erin­nerungsfeld mit den Formen der Hierarchie und Unterordnung verbunden ist, die die Aussagen eines Textes beherrschen; die Weise, wie die Annäherungsmodi und Ent­wicklungsarten der Aussagen und die Weise der Kritik, der Kommentare, der Inter­pretation von bereits formulierten Aussagen verbunden sind. Dieses Bündel von Be­ziehungen konstituiert ein System begrifflicher Formation“ (Foucault, 1981, S.88). Die Begriffe der Formation tauchen demnach auch nicht isoliert auf, sondern stehen im­mer in Verbindung zu den anderen Aussagen des Diskurses. Die Aussagen werden nicht verknüpft, weil sie einem schöpferischen Subjekt (allein) entsprangen, sondern theoretisch kann jede Aussage innerhalb eines Diskurses (oder den Diskurs auch nur tangierend) zu Wort kommen.

 

  1. Die Formation der Strategien

 

Die Formation der Strategien hinterfragt die Strategien und Theorien, die hinter den Diskursen stehen. Deshalb nennt Foucault die Strategien auch theoretische oder strategische Wahl. Er gibt von vornherein an, dass diese nicht vollständig sind, und als Grund benennt er, dass sich seine bisherigen Arbeiten eher auf eines der an­deren Formationssysteme konzentrierten und er den Blick bisher weniger der strate­gischen Wahl gewidmet hat. Aber als Richtung der Analyse gibt er folgendes an:

 

 

a) man soll die möglichen Bruchpunkte des Diskurses bestimmen. Das umfasst die Punkte der Inkompatibilität:

 „Zwei Objekte oder zwei Äußerungstypen oder zwei Begriffe können in der selben diskursiven Formation erscheinen, ohne – es sei denn um den Preis des manifesten Widerspruchs oder der Inkonsequenz – in ein und die selbe Folge von Aussagen einzutreten“ (Foucault, 1981, S.96). Das sind die Äquivalenzpunkte:

Die beiden inkompatiblen Elemente werden auf die selbe Weise gebildet, doch „…statt ein einfaches fehlen von Kohärenz darzustellen, bilden sie eine Alternative: selbst wenn sie in der zeitlichen Abfolge nicht gleichzeitig auftauchen, selbst wenn sie nicht die gleiche Bedeutung haben und nicht auf gleiche Weise in der Menge der effektiven Aussagen dargestellt werden, präsentieren sie sich in der Form des »ent­weder…oder«“ (Foucault, 1981, S.96).

Sowie die Aufhängungspunkte einer Systematisierung:

Theorien, Auffassungen und Themen werden hier als Teile des Diskurses analysiert die von den Formationssystemen gebildet wurden und nicht Bedingungen der Dis­kurse sind.

b) Außerdem muss man die diskursiven Konstellationen untersuchen, diejenigen Konstellationen, welche die Beziehungen von anderen zeitgenössischen Diskursen zum untersuchten Diskurs beschreiben. Diese Beziehungen legitimieren Aussagen innerhalb des Diskurses, oder schließen sie aus. Es gibt Gegenstände, Äußerungs­modalitäten und Begriffe die auf der Ebene der Formationsregeln auch möglich ge­wesen wären, d.h. sie hätten auch geäußert werden können und wären von den ersten drei Formationssystemen als Aussagen ausgewiesen worden. Diese Möglich­keiten werden u.a. durch die strategische Wahl eingeschränkt, da diese bestimmte Aussagen nicht zulässt. (vgl. Foucault, 1981, S.97ff)

c) Die Instanz, die die theoretische Wahl bestimmt, wird zunächst durch die Funktion in einem „…Feld nicht-diskursiver Praktiken…“ (Foucault, 1981, S.99) charakterisiert. Die Funktion des Diskurses innerhalb der Praxis von Feldern, die eigentlich von an­deren Diskursen besetzt sind. Wo also der Diskurs in einem ihm vermeintlich frem­den Feld auch eine Rolle der Praxis spielt, wie z.B. der grammatikalische Diskurs Anwendung in der pädagogischen Praxis findet. Das System und die Prozesse der Aneignung des Diskurses werden ebenfalls charakterisiert: „…denn in unseren Ge­sellschaften (und wahrscheinlich in vielen anderen) ist er Besitz des Diskurses -  gleichzeitig das Recht zu sprechen, Kompetenz des Verstehens, erlaubter und un­mittelbarer Zugang der bereits formulierten Aussagen, schließlich als Fähigkeit, die­sen Diskurs in Entscheidungen, Institutionen oder Praktiken einzusetzen, verstanden – in der Tat (manchmal auf reglementierte Weise sogar) für eine bestimmte Gruppe von Individuen reserviert; in den bürgerlichen Gesellschaften, die wir seit dem 16. Jahrhundert kennengelernt haben, ist der ökonomische Diskurs niemals ein all­gemeiner Diskurs gewesen (ebenso wenig der ärztliche Diskurs, der literarische Dis­kurs, wenn auch auf eine andere Weise)“ (Foucault, 1981, S.99f). So wird deutlich, dass Foucaults Vorgang des Diskurses keineswegs ein gesamtgesellschaftliches Phänomen ist an dem alle partizipieren, sondern die Beherrschung des Diskurses wird immer nur von einem Teil ausgeübt. Dieser Teil hat damit auch die Definitions­macht des Diskurses inne, und somit hat dieser Teil auch ein originäres Recht, den Diskurs in der Praxis anzuwenden. Die Instanzen der strategischen Wahl sind in je­dem Fall dem Diskurs zugehörige „…bildende Elemente“ (Foucault, 1981, S.100). Andererseits ist der Diskurs auch kein Phänomen, welches sich auf einen festge­legten Personenkreis beschränkt, denn theoretisch lassen sich alle gesprochenen oder geschriebenen Aussagen eines Diskurses analysieren und aufeinander be­ziehen.

Eine diskursive Formation wird individualisiert, wenn man die Formation der Strate­gien definieren kann, wenn sich alle Aussagen vom selben Mechanismus von Rela­tionen ableiten lassen (vgl. Foucault, 1981, S.100f). Von Verhältnissen also, die die Beziehung der Aussagen zueinander betreffen: ihr gegenseitiges Ausschließen und Einschließen, ihre Zugehörigkeit und Bedingtheit oder Folge.

Jedoch sind die vier Formationssysteme als ein vertikales Abhängigkeitssystem zu verstehen, welches die Aussagen erst legitimiert. Aussagen die beispielsweise durch die Gegenstände oder die Begriffe ausgeschlossen werden, werden in der Analyse dieses Diskurses auch nicht mehr auftauchen. (vgl. Foucault, 1981, S.106) Dieses Ausschließen ist allerdings ausschließlich in der Praxis des Diskurses begründet und nicht einer übergeordneten Ebene geschuldet; vielleicht könnte man es als die in­terne Regel des Diskurses bezeichnen. Diese Regeln werden somit aus der Praxis des Diskurses abgeleitet und entsprechen seiner inneren Funktionsweise.

Die Aussagen, welche sich jetzt isolieren lassen, werden Thema des nächsten Kapi­tels sein.

 

3.2 Die Aussagen

 

Um sich nun den Aussagen zu nähern, werde ich zuerst einmal verdeutlichen, wes­halb Foucault nicht auf die bisher explizierten Vorstellungen von Aussagen oder vom Bedeutungsinhalt aus der Sprachwissenschaft, Logik oder der Sprechakttheorie zu­rückgreift. Die Aussagen die Foucault beschreibt sind Inhalte der Diskurse, die durch ihre spezifische Verknüpfung in Beziehung zueinander gesetzt werden und ihre Regeln analysiert werden. Die Bedingungen, Einschlüsse und Ausschlüsse die durch die Aussagen produziert werden, sind in ihrer spezifischen Formation gegeben und legitimieren fortschreitender Weise immer weniger Aussagen dazu, dem Diskurs in­härent zu sein. Das heißt jedoch nicht, dass sich der Begriff der Aussagen bei Fou­cault mit dem der Logik oder Sprachwissenschaft vereinen lässt. Zum einen sind ge­sprochene oder geschriebene Sachen nicht einfach Sprechakte, die allein durch ihre Existenz Aussagen sind, und somit die Formulierungen nur die (vielleicht mehr oder weniger geglückte) Umsetzung der Aussagen wären, aber die Aussage nicht mehr beeinflussen könnten (vgl. Foucault, 1981, S.121f). Für Foucault steht jedoch gerade die besondere Existenzweise der Aussagen, weshalb sie so und nicht anders auf­tauchen, in Frage. Sie sind auch nicht einfach Sätze, da es Aussagen auch ohne die Existenz von Sätzen geben kann, z. B. die Konjugation des Verbs amare: amo, amas, amat (vgl. Foucault, 1981, S.118f). Oder andere Tabellen von Wörtern oder Zahlen können ebenso Aussagen darstellen, z. B. Statistiken. Auch können Proposi­tionen, die unter logischen Gesichtspunkten ununterscheidbar wären, im Feld des Diskurses vollkommen verschiedene Aussagen darstellen, sie können sich auf unter­schiedliche Diskurse beziehen, andere Gegenstände bezeichnen und auch nach unterschiedlichen Strategien funktionieren. Was den Aussagen entgegen ihrer Defi­nitionen gemeinsam ist, ist ihre Funktion. Foucault will von der Aussagefunktion sprechen (vgl. Foucault, 1981, S.126f). Weder die Definitionen der Grammatik, noch die der Logik oder der Sprechakttheorie geben für Foucault ein ausreichend weites Feld frei, um die Funktion der Aussagen zu beschreiben. Es gibt vier Charakteristika der Aussagen, die Foucault angibt:

a)     Zum einen wäre da die Frage, was den Unterschied zwischen einer zufälligen Annordnung von Zeichen und einer Aussage ausmacht. Wie wird aus einer Zufälligen Reihe von Zeichen eine Aussage, wie wird eine Aussage aus der zufälligen Anordnung der Tasten einer Schreibmaschine, die keine Wörter bil­den und dennoch eine Aussage sind, eine „…Aussage von Buchstaben des Alphabets in einer Anordnung, die das Tippen erleichtert…“ (Foucault, 1981, S.128). Die Zeichenfolge zu kopieren würde alleine nicht ausreichen, um die Aussage zu kopieren. Das Eingreifen eines Subjekts hält Foucault doppelt für unbefriedigend, zum einen weil das Transformieren der Folge von Zeichen in eine Aussage nicht nur der Initiative eines Subjekts geschuldet sein kann, zum anderen liegt das Problem „…nicht in der Ursache oder im Ursprung der Re­duplikation, sondern in der besonderen Beziehung zwischen diesen beiden Folgen“ (Foucault, 1981, S.129). Denn eine Aussage ist immer in Beziehung zu einem Feld von anderen Aussagen und Gegenständen denen sie Raum gibt. Auch können einzelne Wörter oder Wortgruppen Aussagen darstellen wie z.B.: „Das Boot!“ oder: „Peter!“. Doch können sie sich eher auf die Situation in der sie geschehen beziehen, als auf das wörtlich bezeichnete. Aus diesem Grund lehnt Foucault auch einen Zusammenhang von Signifikat und Signifi­kant ab, da eine Aussage zu dem was geäußert wird nicht das gleiche Ver­hältnis hat, wie das Bezeichnete zum Bezeichnenden, das Signifikat zum Sig­nifikanten - wie es in der Semantik oder der Semiologie häufig angenommen wird. Die Wörter einer Aussage können identisch wiederholt werden und den­noch eine völlig unterschiedliche Aussage bilden. Nicht die Elemente einer Aussage (z. B. die Wörter eines Satzes, oder eine Hypothese oder eine Pro­position) bestimmen ihren Sinn, sondern der Zusammenhang in dem die Aus­sage auftaucht und worauf sie sich bezieht, die Aussagen die durch sie erst möglich gemacht oder ausgeschlossen werden. „Man sieht auf jeden Fall, daß die Beschreibung dieser Aussageebene nicht durch eine formale Analyse, eine semantische Untersuchung oder eine Verifikation vollzogen werden kann, sondern durch die Analyse der Verhältnisse zwischen der Aussage und dem Raum der Differenzierung, worin sie selbst die Unterschiede auftauchen läßt“ (Foucault, 1981, S.129). So legt Foucault großen Wert darauf die Aussage aus sich heraus zu erklären, ohne jedoch in ihr gefangen zu bleiben. In jedem Fall weist jedes Wort einer Aussage über sich hinaus, jedes Wort hat Bezüge zu anderen Gegenständen als den Bezeichneten. Sie macht andere Aus­sagen möglich und wird durch andere Aussagen möglich gemacht, und dass in einer ihr ganz spezifischen Weise. Sie bestimmt in ihrer Seinsweise auch das Feld in dem sie auftaucht.

b)     Eine Aussage steht immer in Beziehung zu einem Subjekt. Jedoch muss zwi­schen Subjekt und Autor der Aussage unterschieden werden. Autor und Pro­duktion der Aussage müssen unterschieden werden vom Subjekt der Aussage (vgl. Foucault, 1981, S.134f). Ein Nachrichtensprecher z.B. kann Autor einer Formulierung sein, aber wird nicht in jedem Fall ihr Subjekt sein. „Eine Formu­lierung als Aussage zu beschreiben besteht nicht darin, die Beziehung zwi­schen dem Autor und dem was er gesagt hat (oder hat sagen wollen oder, ohne es zu wollen gesagt hat) zu analysieren; sondern darin, zu bestimmen, welche Position jedes Individuum einnehmen kann und muß, um ihr Subjekt zu sein“ (Foucault, 1981, S. 139). Es geht also vielmehr darum zu zeigen, welche Möglichkeiten der Anwendung der einen oder anderen Aussage exis­tieren und wie evtl. tatsächlich die verschiedenen Aussagen verknüpft wurden. Es geht nicht mehr um den Menschen der die Aussage mit Sinn erfüllt und ihre Existenz zielgerichtet oder aufgrund einer Ursache, einem Grund »ein­setzt«. Insofern ist die Definition der Aussage auch eher zirkulär und auf sich selbst bezogen, als dem schaffenden Subjekt zuzuschreiben. Foucault ver­sucht hier die Analyse vom anthropologischen Thema zu befreien und sich deutlich von der Interpretation abzugrenzen.

c)      Die Aussagefunktion ist auf die Existenz eines assoziierten Gebiets ange­wiesen. Dieses Gebiet wird auch als Aussagefeld bezeichnet und umfasst alle Aussagen, die mit der jeweiligen Aussage in Verbindung stehen. Die Aussage steht in jedem Fall in Beziehung zu den anderen Formulierungen (insofern sie vorhanden sind), mit denen sie zusammen auftaucht, die Folge von Aussagen beispielsweise, die eine Geschichte oder eine Argumentation konstituieren. Sie steht auch mit den Formulierungen in Verbindung, auf die sich die Aus­sage implizit oder explizit bezieht, sei es um sie zu wiederholen oder zu adap­tieren, sei es um sie zu modifizieren oder zu revidieren. Jede Aussage aktuali­siert auf die eine oder andere Weise diverse Aussagen. Das Feld wird auch durch die Formulierungen beeinflusst, die durch die Aussage erst möglich werden, die sich ihrerseits von ihr ableiten oder abgrenzen. Ein Befehl lässt beispielsweise andere Möglichkeitsspielräume offen, als eine Proposition oder eine Erzählung. Auch ergibt sich das Feld aus den Formulierungen, die den­selben Status wie die Aussage haben. Denn jede Aussage hat einen Status, sie wird gegenüber anderer Aussagen desselben Statuts qualifiziert, z.B. Aus­sagen mit dem Status Literatur, Wissenschaft, Geschwätz oder Prophezeiung. (vgl. Foucault, 1981, S.139ff) Jetzt wird deutlich, weshalb die Aussage nicht als Einheit betrachtet werden kann, da sie eine Funktion innerhalb der Aus­sagen erfüllt, mit denen sie in Verbindung steht.

d)     Schließlich muss die Aussage eine materielle Existenz haben, eine Stimme die sie artikuliert oder eine Oberfläche die ihre Zeichen trägt. Weiterhin besitzt sie einen Ort und ein Datum. Ein und dieselbe Aussage kann damit in ihrer Materialität wiederholt werden, ein Buch, das vor langer Zeit gedruckt wurde, wird in seiner Materialität in selber Weise, auch wenn es auf anderen Papier mit anderer Tinte geschrieben oder gedruckt wurde, wiederholt, und somit haben sich die Aussagen des Buches in ihrer Identität nicht verändert. Und dennoch heißt das nicht, dass die Aussagen dieselben bleiben. „Die Identität einer Aussage wird einer zweiten Menge von Bedingungen und Grenzen un­terworfen: denjenigen, die ihr durch die Gesamtheit der anderen Aussagen auferlegt sind, unter denen sie auftaucht, durch das Gebiet, in dem man sie benutzen oder anwenden kann, durch die Rolle oder Funktionen, die sie zu spielen hat. Die Behauptung, daß die Erde rund ist oder daß die Arten sich entwickeln, bildet vor und nach Kopernikus, vor und nach Darwin nicht die­selbe Aussage. Bei so einfachen Formulierungen kann man nicht sagen, daß der Sinn der Worte sich geändert habe. Was sich geändert hat, ist das Ver­hältnis dieser Behauptung zu anderen Propositionen, ihre Anwendungsbe­dingungen und Reinvestitionsbedingungen, ist das Feld von Erfahrung, von möglichen Verifizierungen, von zu lösenden Problemen, worauf man sie be­ziehen kann“ (Foucault, 1981, S.150f). So kann also auch ein und dieselbe Formulierung unter unterschiedlichen Bedingungen eine andere Aussage bil­den. Es ist auch nicht allein der Kontext, z.B. der die Formulierung umge­benden Text, gemeint, sondern alle Formulierungen, die sich auf den Diskurs beziehen. Wenn aber der informative Inhalt und die Verwendungsmöglichkei­ten einer Aussage dieselben sind, wenn beispielsweise ein Diskurs und seine gleichzeitige Übersetzung in einer anderen Sprache erscheinen, wird man von derselben Aussage sprechen können (vgl. Foucault, 1981, S.151). Einerseits können Formulierungen in ihrer Materialität beliebig wiederholt werden, ihre Bedeutung und Verwendung innerhalb des spezifischen Diskurses oder nur der spezifischen Äußerung ist kontingent. Der Diskurs beschränkt sich inso­fern immer nur selbst, in der spezifischen Weise in der er auftaucht, ist jedoch keinen manifesten Bedingung außer seiner Existenzweise unterworfen. Die Frage nach dem Sein oder der Identität der Dinge weicht einer Dynamik des Unterschieds, die Ontologie weicht dem Konstruktivismus. Die Aussagen wer­den hauptsächlich in ihrer Beziehung zu den anderen Aussagen und der jeweiligen Abhängigkeit im Feld ihres Auftauchens definiert, sie stehen in einer ganz bestimmten Beziehung zu den anderen Aussagen, die so speziell ist, dass sie nur unter strengen Bedingungen wiederholt werden können. Das Prinzip nach dem eine diskursive Formation funktioniert, ist die Form nach der sich ein Diskurs individualisiert. Ein Diskurs ist eine Menge von Aussagen, die einem gleichen Formationssystem angehört (vgl. Foucault, 1981, S.156). Ein Diskurs formiert sich dadurch, dass er dieselben Regeln benutzt und den glei­chen Anwendungsbereich hat. Er ist somit auf sich selbst bezogen und defi­niert sich durch seine Praxis.

 

4. Die Archäologie als Methode

 

Foucault hat mit seiner Definition von Diskurs viele Einheiten dekonstruiert um sich davon abzugrenzen und dem Diskurs, wie er ihn bearbeitet, eine theoretische Dimension zu geben. Er grenzt sich vor allem von den Einheiten die durch Linguistik und strukturalistische Methoden vorgegeben waren. Er wendet sich gegen Subjekt­philosophie, mechanistisches Denken und einfache Kausalitäten, gegen transzen­dentale und teleologische Vorstellung einer höheren Instanz, der unser Handeln und Streben zugrunde liegt und über ihren Ziel und Zweck definiert ist. Ob es der trans­zendentale Gott ist, oder die Vernunft. Er wendet sich nicht nur gegen ein Denken dass schon durch die Dominanz des Christentums eine lange Tradition in der Philo­sophie hatte, sondern zum Teil erst durch die Aufklärung zum wirklichen Thema der Philosophie gemacht wurde. Die Teleologie der Gottesfürchtigkeit wird durch die Kausalität des handelnden Subjekts (oder später das rationale Handeln) in eine selbst gewählte Herrschaft einer neuen Teleologie: der Vernunft. Das Subjekt wird dadurch in den Mittelpunkt der Theorien gerückt und gipfelt im mechanistischen Den­ken der Aufklärung, doch wird auch im Idealismus und der Moderne mit den Teleolo­gien des Fortschritts fortgesetzt. Er bricht mit dieser Tradition und steht dennoch mit ihr in Verbindung.

Zum einen könnte man das Verbannen des Subjekts von der Erkenntnis als einen Versuch der Objektivierung verstehen, dem ein Bild der objektivierten Wissenschaft zugrunde liegt und dem Interesse geschuldet ist, jeden subjektiven Einfluss aus der Theorie zu verbannen. Eventuell könnte man sogar davon ausgehen, dass er da­durch den Einfluss des Menschen auf das was er sagt, die Gefangenschaft in der Subjektivität, unterschätzt und dadurch eine Theorie ohne Aussagekraft geschaffen hat. Andererseits könnte man dieses Ausklammern der Subjektivität ebenso als Be­gründung für eine Welt nehmen, deren Kontingenz gerade der Willkürlichkeit und Individualität der Subjekte geschuldet ist, und man deswegen den Möglichkeitsspiel­raum begrenzen muss, um Aussagen über den Inhalt von Aussagen treffen zu kön­nen, und es erforderlich ist die Diskurse nach ihren Konstruktionsregeln zu befragen und eben nicht in den subjektiven Vermutungen über das, was geäußert wurde, was der Autor wohl gemeint haben könnte, was den Autor in seiner Situation zu dieser oder jener Formulierung bewegt haben kann (die verschiedensten Kategorien die eingeführt wurden, um die Aussagen von Menschen in ihrer Subjektivität zu befra­gen, vom Alter der Person, über Lebenslage, Lebensstandard, persönliche und psy­chische Zustände). So wird die Gefahr verringert, dass der eigentliche Inhalt der Aussagen verloren geht, weil er durch Interpretation mit einem dem Diskurs fremden Sinn belegt wird.

Wie dem auch sei, es ist ein Versuch die Aussagen von innen her auszuarbeiten, zu analysieren, und nicht einen neuen Diskurs zu schaffen. Dadurch, dass sich die Analyse des Diskurses auf die tatsächlich gesprochenen Sachen bezieht, kann man Foucault durchaus als Positivisten[7] begreifen, dennoch folgt er durch das Thema der Diskurse, die ihre Realität selbst erzeugen, einem radikalem konstruktivistischen Prinzip, der die Suche nach empirischen Fakten als fraglich erscheinen lässt. Wichtig ist in dieser Auffassung wie über etwas gesprochen wird, nach welchen internen Re­geln eine Aussage funktioniert. Wie sie folgende Aussagen legitimiert und aus­schließt, durch welche Aussagen sie existiert. Die Archäologie ist immer auf die Pra­xis des Diskurses gerichtet, und bezieht sich damit auch nur auf diese. Foucault ver­sucht keine neue Wahrheit zu konstruieren, er versucht nicht den Geist einer Epoche in seiner Totalität zu beschreiben, sondern nur ein ganz begrenztes Feld, das Feld des Diskurses, der gerade analysiert wird. All die Beispiele eines Diskurse, die an­geführt werden können, die keine Beachtung gefunden haben, könnten analysiert werden, könnten in Beziehung gesetzt werden. „Ich gebe nicht nur zu, daß meine Analyse begrenzt ist, sondern ich wollte es so, ich habe es ihr auferlegt“ (Foucault, 1981, S.226). Sie ist immer nur eine Analyse, eine Zergliederung einer Besonderheit, einer einzigartigen Konstellation. Sie ist keine Synthese, die die einzelnen Erkennt­nisse zusammenstellt und zu einem höheren Ganzen verbindet. „Wenn es ein Para­dox der Archäologie gibt, so besteht es nicht darin, daß sie die Unterschiede verviel­facht, sondern darin, daß sie sich weigert, sie zu reduzieren, und damit die ge­wohnten Werte umkehrt“ (Foucault, 1981, S.243).

Eine Aussage so zu analysieren, wie sie auftaucht hat zum einen den Bezug zur Praxis, wie sie tatsächlich geschehen ist, und ist insofern unabhängig von einem in­terpretierenden Subjekt, andererseits wird durch das Vermeiden des Interpretierens und die Rückbesinnung auf das Subjekt der Äußerung die Einzigartigkeit des Dis­kurses beschrieben, die dazu führt, dass man auch durch die Analyse nicht mehr die ursprüngliche Aussage erscheinen lassen kann. Man kann sie ausarbeiten, sie ihren Bedingungen und Folgen befragen, jedoch kann man nicht mehr davon ausgehen, die Aussage so erscheinen zu lassen, wie sie es in ihrer Ursprünglichkeit getan hat. Der Wahrheitsbegriff von Foucault deckt sich somit im weitesten mit anderen kon­struktivistischen Theorien. Sie produziert und reproduziert sich alleine durch ihre Praxis. Diese kann zwar analysiert werden, jedoch ohne zum Grund der Dinge vor­zudringen.

Anwendung bezüglich der Mediensoziologie könnte die Archäologie Foucaults vor­rangig in zwei Bereichen finden: in der Analyse von konkreten Mediendiskursen, gleich welchen Themas (ob mit gesellschaftlichen Bezug oder ohne, ob es um Ar­beits- oder Wirtschaftspolitik geht, oder um eine Serie zur Verschönerung des eigen Gartens). Die zweite Möglichkeit ist die der Anwendung als Metatheorie, um Diskurse über Medien zu analysieren. Wie über Medien geredet wird könnte ein Thema sein. Beispielsweise könnte man analysieren, wenn über den Einfluss des Fernsehens auf die Jugendkriminalität geredet wird, ob eine monokausale Logik zwischen Sender und Empfänger unterstellt wird, ob damit zum Beispiel die kognitiven und emotiona­len Fähigkeiten des Rezipienten reduziert oder gar bestritten werden. Ob der Mensch in der Analyse des Diskurses zu einer Black Box ohne Fähigkeiten stilisiert wird. Oder andersherum, ob alles im Ermessen des Individuums liegt, und es nur der In­terpretation obliegt, wie mit den Inhalten umgegangen wird. Welche Aussagen schon akzeptiert worden sind, um eine solche Aussage zu treffen und vielleicht auch welche Aussagen bereits ausgeschlossen wurden. So müsste z. B. bei einer Schuldzuwei­sung der Medien bezüglich der Jugendkriminalität ein Bild vom unmündigen Jugend­lichen akzeptiert sein, das im Extremfall sein Handeln ausschließlich durch unbe­wusste Triebsteuerung oder andere Reiz- Reaktionsmodelle ausrichtet. Damit könnte auch die Aussage akzeptiert sein, dass die Medien ein Steuerungsmedium der Ge­sellschaft wären. So würde die Analyse der Formationssysteme und der Aussagen der Diskurse bezüglich der Medien ein riesiges Feld freisetzen in dem man das große Potential der Archäologie Foucaults ausschöpfen könnte.

Das Manko der Theorie besteht bezüglich der Soziologie wahrscheinlich wirklich hauptsächlich darin, dass Probleme zwar ausgearbeitet werden können, jedoch keine Möglichkeiten zur Reduktion geboten werden. Somit ist sie sicherlich eine Me­thode, die hauptsächlich in der qualitativen Sozialforschung Anwendung finden kann. Das größte Potential hat die Theorie doch wahrscheinlich als Metatheorie, die auch in der Soziologie Anwendung finden kann. Sie kann als Methode zum untersuchen der wissenschaftlichen Diskurse benutzt werden und ihre Existenz und Beziehung zueinander untersucht werden. Als Methode ist die Archäologie demnach vielseitig einsetzbar. Ihre Beziehung zu anderen Erkenntnistheorien und ihre wissenschaftli­chen und theoretischen Grundlagen jedoch könnten noch einer weitreichenden Er­forschung unterzogen werden. In jedem Fall ist der Gegenstand der Theorie ein sehr verschiedener im Vergleich zu den herkömmlichen Theorien.

 

 

 

5. Literatur

 

 

- U. Wenzel in: Neumann- Braun/ Müller- Doohm (Hrsg.), Medien- und Kommunikati­onssoziologie, 2000, S. 125- 141

 

- C. Pias in: Weber (Hrsg.), Theorien der Medien, 2003, Konstanz, S. 277- 293

 

- M. Foucault, Die Archäologie des Wissens, 1981, Frankfurt/ Main

 

- N. Luhmann, Sozial Systeme, 6. Auflage, 1996, Frankfurt/ Main

 

- P. Bourdieu, Homo academicus, 1992, Frankfurt/ Main

 



[1] Erste Ausgabe ist in französisch erstmalig 1969 erschienen

[2] Ohne These zu arbeiten bedeutet sicherlich gegen einen breiten Konsens über die Methodik wissenschaftlichen Arbeitens zu verstoßen, in Frankreich ist die These, mit Haupt- und Zusatzthese, formelle Vorraussetzung für eine Diplomarbeit und auch für die Dissertation . Ihr Fehlen bzw. ihre unkonventionelle Umsetzung hat bei einigen Vertretern dazu geführt (wie Foucault, Derrida oder Althusser), dass ihnen offiziell die Betreuung von Doktorarbeiten untersagt wurde und ihre Arbeitsweise daher ungeeignet wäre um solch Arbeiten zu betreuen.

[3] Zum Begriff der Formationssysteme siehe Kapitel 3.1 dieser Arbeit

[4] Siehe Kapitel 3.2 dieser Arbeit

[5] Die Wortgruppe „ihres Auftauchens“ bezieht sich in dem Fall auf das Auftauchen der Diskurse (Anm. d. A.)

[6] Die Wörter und die Sachen (bzw. Dinge) (französisch: Les mots et les choses) ist der französische Titel des Buches Die Ordnung der Dinge, das 1966 erstmalig erschienen ist.

[7] „Wenn man an die Stelle der Suche nach den Totalitäten die Analyse der Seltenheit, an die Stelle des Themas der transzendentalen Begründung die Beschreibung der Verhältnisse der Äußerlichkeit, an die stelle der Suche nach dem Ursprung die Analyse der Häufungen stellt ist man ein Positivist, nun gut, ich bin ein glücklicher Positivist, ich bin sofort damit einverstanden.“ (Foucault, 1981, S.183)



Home