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Autor: Wolfram Häfer - http://wollumination.piranho.com

Kurs. Päd 7

 

 

Pierre Bourdieus Kapitalbegriff als Instrument zur Beobachtung sozialisatorischer Unterschiede

 

 

Um Sozialisation und damit verbundene Möglichkeiten und Risiken in Kategorien pädagogischer Praxis beschreiben zu können, habe ich mich entschieden die Kapitaltheorie Pierre Bourdieus als theoretische Grundlage und zur Eingrenzung von möglichen Praxisfeldern zu benutzen. Bourdieus Kapitaltheorie ist besonders für die Beschreibung des Verhältnisses Individuum und Gesellschaft geeignet, weil seine Theorie auf der grundlegenden Unterscheidung von Habitus[1] und Kapital fußt. Somit kann man die Kapitaltheorie Bourdieus als Verbindung von objektivistischen und subjektivistischen Sozialtheorien verstehen. Analog dazu siedeln sich seine Untersuchungen und Theorien eher auf der Ebene mittlerer Reichweite an. Auch wenn er sicherlich auch Schriften zu seinen theoretischen Grundlagen, erkenntnistheoretischen Problemen und gesamtgesellschaftlichen Gegenständen veröffentlicht hat, siedeln sich die meisten seiner Untersuchungen in einem konkreten Feld an und werden in Beziehung zu objektiven Strukturen gesetzt, und erst die Analyse in ihrer Gesamtheit würde den Bezug zu einem Problem großer Reichweite erlauben. Bourdieu selbst bezeichnet sich als Theoretiker des konstruktivistischen Strukturalismus und strukturalistischen Konstruktivismus (vgl. Bourdieu/ Wacquant, 1996, S.29). Er spielt damit auf den Widerspruch der gesellschaftlichen Konstruiertheit der Strukturen und der Trägheit der konstruierten Strukturen an und befindet sich einerseits in der Tradition der französischen Strukturalisten, sowie andererseits in der Tradition der soziologischen Klassiker Marx, Durkheim und Weber. Die entscheidende Leistung Bourdieus ist eine pragmatische Verknüpfung von Individuum und Gesellschaft indem er seine Theorie des sozialen Raums in Beziehung zu seinem Konzept des Habitus setzt. Beide Begriffe sind in Verbindung mit dem Kapitalbegriff Bourdieus zu sehen. Aus diesem Grund habe ich mir den Kapitalbegriff als Analyseinstrument gesucht, da das Kapital das Konzept von Individuum und Gesellschaft in sich aufnimmt.

 

Der Kapitalbegriff Bourdieus schließt theoretisch an den Begriff des Kapitals bei Marx an, jedoch erweitert ihn Bourdieu mit den Spezifikationen ökonomisches, soziales und kulturelles Kapital um die nicht-ökonomischen Beziehungen. Soziales Kapital ist dabei die Gesamtheit des verfügbaren Netzes sozialer Beziehungen, während kulturelles Kapital insbesondere formalisiertes und nicht- formalisiertes sowie korporiertes und inkorporiertes Wissen, aber auch kulturelle Güter, umfasst. Dabei ist Kapital analog zu Marx akkumulierte Arbeit und kann in jedem Fall in institutionalisierter Form auftreten. Institutionalisiert tritt ökonomisches Kapital beispielsweise im Erb- und Eigentumsrecht auf, soziales Kapital z.B. als Adelstitel und kulturelles Kapital in Form von schulischen Titeln. Kulturelle Güter wie Bücher, Bilder, Lexika oder Musikinstrumente sind objektiviertes kulturelles Kapital, während Wissen und Bildung als Fähigkeit inkorporiertes (verkörpertes) Kapital darstellen, dessen Akkumulation in jedem Fall Zeit benötigt. Ökonomisches Kapital kann jeder Zeit in Geld umgewandelt werden, während soziales und kulturelles Kapital nur unter bestimmten Bedingungen in Geld bzw. ökonomisches Kapital transformiert werden können. Objektiviertes Kulturkapital, wie auch institutionalisiertes Sozialkapital (v.a. durch Kreditwürdigkeit) können ebenso direkt in ökonomisches Kapital umgewandelt werden. Schulische Titel hingegen können nicht Übertragen oder umgewandelt werden und sind rechtlich festgeschrieben. Soziale Beziehungen müssen immer aktualisiert werden und sind nicht direkt übertragbar.[2]

Durch die Ergänzung des Kapitalbegriffs durch kulturelles und soziales Kapital entgeht Bourdieu dem rein ökonomischen Konzept des Marxschen Kapitals und weitet das Feld der gesellschaftlichen Machtverteilung aus. So verknüpft er die ökonomische Ungleichheit theoretisch mit der empirischen Konvergenz zu Ungleichheit bezüglich anderer sozialer Dimensionen wie Bildung und Ausbildung, Kenntnisse und soziale Beziehungen. Dennoch spielt das ökonomische Kapital die entscheidende Rolle in der Verortung der verschiedenen Akteure im sozialen Raum. Bildung kann zum Beispiel nur in einer „…von ökonomischen Zwängen …“ (Bourdieu, 1997, S.59) befreiten Zeit angehäuft werden. Auch Marx hatte den Punkt einer Bildungsinvestition in den Begriff des Kapitals integriert, ist jedoch ausschließlich auf die ökonomische Dimension eingegangen.[3]

Ein zweiter Punkt ist, dass das soziale Kapital einer Person immer auch vom Kapital derjenigen abhängt, mit denen sie in Beziehung steht. Zugespitzt hat der Vorstandsvorsitzende von Daimler- Chrysler beruflich und aller Wahrscheinlichkeit nach auch privat Beziehungen zu Personen mit weitaus mehr akkumuliertem Kapital als ein Hilfsarbeiter. Somit besitzt der Vorstandschef ein weit größeres potentielles Kapital, das eventuell über seine sozialen Beziehungen mobilisiert werden kann.

Das Kapital bei Bourdieu ergibt so einen Komplex von materiellem und immateriellem Besitz, sowie Möglichkeiten der Anwendung und damit gesellschaftlicher Partizipation.

Dieser Begriff des Kapitals ermöglicht es Bourdieu Menschen im sozialen Raum zu verorten. Dazu gehören vier Differenzierungsachsen des sozialen Raums, von denen die vertikale Achse die Differenzierung bezüglich des Merkmals der Partizipation an Herrschaft diejenige ist, welche durch die Höhe des anwendbaren Kapitalvolumens eines gesellschaftlichen Akteurs definiert ist. Je höher also das verfügbare Kapitalvolumen einer Person ist, desto größer die Teilhabe an Herrschaft. Die zweite Differenzierungsachse im sozialen Raum ist die horizontale Achse der Arbeitsteilung. Sie spiegelt die Differenzierung der Gesellschaft bezüglich der spezialisierten Arbeitsteilung und hat bei Marx schon mit der Unterscheidung des Teil- und des Gesamtarbeiters Einzug in die Kapitaltheorie gehalten, und beschreibt den Widerspruch der Abhängigkeit und gleichzeitigen Konkurrenzsituation der spezialisierten Teilarbeiter. Die dritte Achse ist im Raumkonzept Bourdieus analog zur Tiefe im physikalischen Raum angesiedelt. Sie ist die institutionelle Dimension, die vom Pol geringer Differenzierung der Vergemeinschaftung (z.B. in Stammesgesellschaften) bis zum Pol hoher Differenzierung institutionalisierter Vergemeinschaftung (in den modernen Gesellschaften). Hinzu kommt noch die Achse der Zeit. Sie ermöglicht es die gesellschaftlichen Veränderungen und Spannungen in ihrer historischen Folge zu betrachten. (vgl. Vester/ Gardemin, 2001, S.229f)

Die Zuordnung von Personen zu Örtlichkeiten im sozialen Raum ist damit in drei verschiedene Richtungen möglich und kann innerhalb eines zeitlichen Verlaufs beschrieben werden. Michael Vester und Daniel Gardemin beziehen deshalb die Raumtheorie Bourdieus auf die gesellschaftlichen Milieus Emile Durkheims und sprechen von den unterschiedlichen Milieus, die sich im Raum individualisieren lassen. Diese Milieus entsprechen gesellschaftlichen Gruppen, die ähnliche und/oder zusammengehörige Kapitalvolumen, Arbeits- und Wissensfelder, sowie Habitustypen haben. Die verschiedenen Gruppen sind durch die Menge an verfügbarem Kapital analog der vertikalen Achse an der Herrschaft beteiligt. Besitz von Kapital ist daher die Größe, welche die Partizipation an Herrschaft determiniert. Dabei ist zu beachten, dass Bourdieu als Theoretiker des Relationalen nicht Klassen gegenüberstellt, sondern im dynamischen Kräftefeld der Gesellschaft Gruppen unterscheidet, die so aber auch anders gewählt sein können. Viel wichtiger ist die Dynamik und damit die Folge: je mehr Kapital verfügbar ist, desto größer ist auch die gesellschaftliche Macht. Dieses hierarchische Verhältnis setzt sich über und durch alle Ebenen fort. Bourdieu verknüpft somit ökonomische, kulturelle und soziale Elemente mit der Positionierung des einzelnen gesellschaftlichen Akteurs im sozialen Raum, und damit auch im Machtgefüge. Zugang zu Bildung und insbesondere höhere und weiterführende Bildung ist somit originäres Recht einer privilegierten Gruppe und lässt sich demnach auch nicht in meritokratischen Kategorien erklären. Zur Debatte würde weiterführend auch die Frage nach der Legitimität des staatlichen Bildungssystems stehen, da es ohne Rücksicht auf soziale und individuelle Faktoren die Zugangschancen für Bildung und Ausbildung verteilt.

Ein weiterer Punkt der Überschneidung mit der marxistischen Theorie ist, das nur Kapital eingesetzt werden kann, wenn welches vorhanden ist. Damit ist gemeint, dass Kapitalbesitz und Höhe des Kapitalbesitzes entscheidend für den Ertrag (oder Mehrwert) ist, und schon allein deswegen keine Chancengleichheit existieren kann. Marx versucht zwar den Ursprung der ersten Kapitalakkumulation zu finden, der in dem Fall in der Expropriation des Landvolks durch die Herrschenden (damals v. a. der Feudaladel) zu finden ist[4]. Bourdieu sucht zwar nach keinem Ursprung, jedoch konstatiert er die unterschiedliche Verteilung des Kapitals. Die gesellschaftliche Ungleichheit liegt somit, jedenfalls für das einzelne Individuum betrachtet, in der Geburt (bzw. im Milieu der Geburt), und nicht etwa in der Leistung oder Leistungsfähigkeit, des Individuums begründet.

 

Der Unterschied zwischen der Anwendung der ökonomischen Kapitaltheorie Marx’ und der Kapitaltheorie Bourdieus bezüglich Fragen der Sozialisation und Erwerbung kulturellen Kapitals sind zuersteinmal gar nicht so groß. Der wichtigste Unterschied ist, dass es bei Bourdieus Untersuchungen gesellschaftlicher Ungleichheit immer wieder Thema war, für die Theorie von Marx jedoch keine gesonderte Bedeutung hatte. Der Besitz von kulturellen Kapital ist zwar immer von der Existenz ausreichend ökonomischen Kapitals abhängig, jedoch gilt das nur bis zu einer bestimmten Höhe (und je nach dem, ob z.B. die Kinder auf private oder öffentliche Schulen geschickt werden). Bourdieus Kapitalbegriff verdeutlicht jedoch den nicht- ökonomischen Bereich eines auf Eigentum gegründeten Privilegs besser. Zum einen, dass die Positionierung eines Subjekts im sozialen Raum nicht allein vom ökonomischen Kapital und seiner Verwertung abhängt, sondern dass beides auch vom Wert und Verwertung des kulturellen und sozialen Kapitals abhängt. Außerdem werden empirische Probleme, wie z. B. der Einfluss des Leseverhaltens (oder der Besitz von Büchern oder die Chance auf Zugang zu Bibliotheken) auf den schulischen Erfolg, besser erklärbar und theoretisch klassifizierbar. Deshalb bietet Bourdieus Kapitalbegriff auch einen guten Zugang zu pädagogischen Problemen.

 

Literatur:

 

-         P. Bourdieu/ L. D. J. Wacquant, „Reflexive Anthropologie“, Frankfurt/Main 1996

-         P. Bourdieu, „Die verborgenen Mechanismen der Macht“, Hamburg, 1997

-         K. Marx, „Das Kapital. Erster Band“, Berlin (Ost) 1975

-         M. Vester/ D. Gardemin, „Milieu und Klassenstruktur“ in: C. Rademacher/ P. Wiechens (Hrsg.), „Geschlecht Ethnizität Klasse“, Opladen 2001, S. 219 -273

 



[1] Der Habitusbegriff Bourdieus, auch wenn er  wichtig für die Verknüpfung von Individuum und Gesellschaft ist, wird in dieser Arbeit ausgeklammert werden.

[2] Vgl. den Kapitalbegriff im Aufsatz: „Ökonomisches Kapital- Kulturelles Kapital- Soziales Kapital“ in: Bourdieu , 1997

[3] Das Thema der Bildung wird von Marx im ersten Band des Kapitals einmalig erwähnt: „Um die allgemein menschliche Natur so zu modifizieren, daß sie Geschick und Fertigkeit in einem bestimmten Arbeitszweig erlangt, entwickelte und spezifische Arbeitskraft wird, bedarf es einer bestimmten Bildung oder Erziehung, welche ihrerseits eine größere oder geringere Summe von Warenäquivalenten kostet. Je nach dem mehr oder minder vermittelten Charakter der Arbeitskraft sind ihre Bildungskosten verschieden. Diese Erlernungskosten, verschwindend klein für die gewöhnliche Arbeitskraft, gehn also ein in den Umkreis der zu ihrer Produktion verausgabten Werte.“ (Marx, 1975, S.186)

 

[4] vgl. dazu: „Die sogenannte ursprüngliche Akkumulation“, in: Marx, 1975, S. 741 - 751



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